1. Februar 2011

Der Food-Blogger



















In den letzten Tagen habe ich mir einige Kochblogs angelesen. Einige waren sehr liebevoll gestaltet, mit interessanten Rezepten, die mit überaus lecker-magenknurren-foerdernden Fotos gespickt waren. Andere wirkten wie mal eben ins Netz geklatscht mit Rezepten, die man vielleicht zur Not zur Hand nimmt, wenn der liebste Feind zu Besuch kommt (warum dieser zu Besuch kommen sollte, ist mir allerdings dann doch ein Raetsel.)
(Fast) Allen gemein jedoch ist, dass sie nicht nur schlicht Rezepte anbieten, sondern auch persoenliche Anekdoten liefern, Erfahrungsberichte dieses Rezept oder jene Zutat betreffend und man ab und an auch etwas aus dem Leben des Autoren erfaehrt.
Im Gegensatz zum ordinaeren Kochbuch kann man als Leser direkt Feedback geben; nervige Fragen, aufgebrachte Kritik und überschwaengliches Lob. Und wenn man ein ganz eifriges Leserlein ist, schafft man es vielleicht auch als Inspiration indirekt in den Blog.
Das ist der Grund, warum Buchverlage Foodblogs ernst nehmen sollten, gerade im digitalen Zeitalter. Jetzt, wo Amazon mehr digitale Buchstaben, denn Seiten aus Papier verkauft.
Foodblogs, zunaechst eher nur im englischsprachigen Raum verbreitet, finden nun auch in deutscher Sprache einige Anhaenger. Doch wer ist dieser "Foodblogger"?




Der gemeine Foodblogger ist weiblich, Ende 20 und hat schon das ein oder andere Kind, das der stets vergnügten Mutter mit den obligatorischen Lachgrübchen gerne über die Schulter guckt. Spezialitaet der Foodbloggerin ist nicht etwa das Kochen, sondern vielmehr das sprachliche Geschick, das sie von anderen Blogs abhebt. (Da natürlich jede Foodbloggerin dieses sprachliche Geschick vorweisen kann, schwebt die gesamte Foodbloggergemeinschaft einhellig und sich freundlich zunickend  über den Koepfen der Leserschaft.)
Der Tag beginnt mit einem einfachen Frühstück bestehend aus Kaffee und Brot mit Salami. Aehnliches gilt für das Abendessen. "Aber wieso?", koennte man fragen, "Du weißt aber schon, dass es hier um Blogs über Essen geht, oder? Oder schreiben die alle über Salamibrote?"
Mittags werden schwere Geschütze aufgefahren. Mittags sind die Lichtverhaeltnisse optimal und man kann seinen dreistunden-Koch-Marathon in Ruhe absolvieren.
In einer Hand den Kochloeffel und in der anderen die Kamera, macht sich die Foodbloggerin ans Werk, wobei zwar jeder Arbeitsschritt auf Foto gebannt, letztlich aber doch nur das Endproduktfoto für das Blogposting genommen wird.
Bei Fotos geizt die Foodbloggerin nicht mit dem Unschaerfeeffekt. Kameras mit unzureichendem Zoom werden entweder entsorgt, oder die Fotos im Nachhinein so bearbeitet, dass es nach einem professionellen Shooting aussieht.
Mehr Zeit als das Kochen an sich nimmt das Drapieren der Nahrung in Anspruch. Hier wird Nudel um Nudel zurechtgezupft, verbrannte Stellen pedantisch mit einem Salatblatt verdeckt und das Ganze am Ende mit Klarlack bepinselt, damit es auf dem Foto schoen glaenzt. Hier zeigt sich auch die wahre Passion dieser Art Bloggerin: die Kunst. Ob es schmeckt driftet zur Nebensache ab, solange das Foto nur gut aussieht. Und zum Glück muss der Leser auch nicht probieren.

Der kleine Bruder der Foodbloggerin heißt "Foodie" und ist... eigentlich auch weiblich. Er/sie/es knipst meist verwackelte, immer jedoch qualitativ minderwertige Fotos seiner Nahrung. Der Foodie macht keinen Unterschied zwischen Pausenbrot und Trüffelsauerbraten im Pistazienschinkenmantel, solange man es nur fotografieren kann.
Noch bevor der erste Bissen genommen wird, laed der Foodie seine Bilder in alle moeglichen sozialen Netzwerke und Foren, weswegen er sich auch ein Handy mit Internetfunktion gekauft hat.

Dem Foodie und der Foodbloggerin ist die Devise gemein: "Essen und gegessen werden".

                                                                                                                                                                         

Foodblogger - FAQ


Woran erkenne ich einen Foodblogger?
Gerade vor und nach der Mittagszeit sind viele Foodblogger auch im Freien anzutreffen. Ein besonderer Dresscode konnte noch nicht ausgemacht werden, doch nehmen laut Augenzeugenberichten viele ihre Kamera mit. Weitere Indizien sind angeregte Gespraeche mit Obsthaendlern über die besten Kiwis Alaskas, wissenschaftlich-interessierte Blicke auf diverse Warenauslagen und die Teigspritzer (wir hoffen, dass es sich hierbei um solche handelt) auf der Wange.
Leider sind Foodblogger in freier Wildbahn nur schwer zu erkennen.

Hilfe - mein Kollege ist ein Foodblogger! Was tun?
Nur die Ruhe bewahren. Vermutlich hat er mehr angst vor dir, als du vor ihm. Solange du nur schlampig geschmierte Brote und langweiligen Pfefferminztee mit zur Arbeit mitnimmst, kann dir gar nichts passieren. Sollte es einmal unvermeidlich sein, dass du die übriggebliebene Portion mit Goldplaettchen angereicherte Schweinemedaillons in Weinrahmsenfsoße von Omas Geburtstag am Wochenende mitbringst, musst du nur zwei einfache Regeln befolgen:
  • verstecke die Kamera deines Kollegen
  • zerschneide dein Essen und matsche darin schon zu Hause herum, damit es unappetitlich aussieht
                                                                                                                                                                    

Empfehlenswerte Foodblogs

Es ist nicht ganz so leicht, die besten, die schmackhaftesten, die epischsten Nahrungsblogs aus dem ganzen Wust an Blogs herauszufiltern.
Daher habe ich die groeßten Nahrungswissenschaftler des Landes befragt und wir sind zu folgender Liste gekommen.

Die in Alaska lebende Bloggerin vereint ihre Leidenschaft zu Essen und Alaskas Lebensgefühl in diesem Projekt, was das Lesen eben jenes zu einem ganz besonderen Vergnügen macht. Außerdem hat sie einen Rehbock fotografiert, ohne ihn direkt verarbeitet zu haben. Sehr loeblich.


"Haelt Leib und Leben zusammen", diese oftmals rheinlaendische Küche.






Ausgiebige Beschreibungen, kreative Ideen und schoene Fotos - da ist der Name Programm.




Die Autorin achtet nicht nur auf ihren Magen, sondern auch ihr Herz und kauft tierlieber ein als so manch anderer. Nebenbei zaubert sie erlesene Gerichte und schüttelt wunderbare Fotos aus dem Aermel



  Lillebi befindet sich momentan auf "kulinarischer Weltreise" und hat demzufolge aus einigen Laendern tolle Rezepte zu bieten.Auch darüberhinaus lohnt sich ein Blick in ihren Blog sehr.





Franzi und Anna bilden hier ein kompetentes Team nicht nur auf die Frage in ihrem Header.

19 Zeugenaussagen:

Citara hat gesagt…

Der "Hauch" Ironie gefällt mir am besten *lach*

Zeitzeugin hat gesagt…

Ironie kommt mir nicht ins Haus!

Fetzig hat gesagt…

ich bin ja von diesem (englisch-sprachigen) foodblog sehr angetan: http://www.travelerslunchbox.com/

von da habe ich schon viele rezepte nachgekocht und alle waren "brilliant"! ^.^ und die stories zu den rezepten machen immer noch mal lust auf mehr...

...Frau Kampi... hat gesagt…

Gefällt mir! Und einige meiner Lieblingsblogs sind auch dabei. Und einige fehlen.
Obwohl ich weder Ende zwanzig noch ständig mit der Kamera unterwegs bin, hab ich mich dann schon bei dem ein oder anderen Punkt ertappt gefühlt.
Liebe Grüße, Frau Kampi

nyla hat gesagt…

Der Artikel ist wirklich gut geworden. Herrlich ironisch und so wahr :D Gut gelungen

Zeitzeugin hat gesagt…

Ja, es gibt noch einige gute Blogs da draußen :)
Aber dafür reicht der Platz leider nicht. Dafür koennt ihr natürlich gerne hier verlinken. Lerne ja auch immer gerne neue leckere Blogs kennen ;)

Franzi hat gesagt…

Herrlich, herrlich, herrlich, heeerrlich :-D

Libra hat gesagt…

Ich liebe deine Berichte - wunderbar (doch!) ironisch, hinterfragend und beschwingt. :)

Hesting hat gesagt…

Ich schließe mich Frau Kampi und Franzi an. :)

George hat gesagt…

Jetzt muss ich mir ja schon überlegen, ob ich nochmal bei dir vorbeischaue, wenn wir hier nicht mal ein Erwähnung als Randphänomen finden! Dabei finde ich mich doch sogar in der Klassifizierung des gemeinen Foodbloggers bei dir wieder: "weiblich, Ende 20 und hat schon das ein oder andere Kind".

Franzi hat gesagt…

Schnuffilein, du hast mich aber falsch verlinkt *hüstel*

;)

Creative-Pink hat gesagt…

Toll geschrieben!

Ina hat gesagt…

Schön geschrieben, ich mag diese leichte Ironie... :)

Nur wiedererkennen kann ich mich auch nicht wirklich... Gut, weiblich bin ich. Aber ich hab gerade eben die 25 erreicht, koche fast nur abends und meist sehr schnell, Fotos entstehen fast ausschließlich vom Endprodukt auf dem Teller und mit einer so alten, einfachen (aber immer Digital-) Kamera, dass sie noch mit Batterien funktioniert, der Zoom vollkommen kaputt und die Unschärfeeffekte einer Spiegelreflex unmöglich reproduzierbar sind. Auch die öffentlichen Erkennungszeichen sind nicht bemerkbar (wie denn auch ohne vernünftige Kamera, Internethandy oder gehobenes Wissen zur Fachsimpelei :)
Naja, dafür oute ich mich dann wohl schon eher als Foodie (auch wenn ich nicht ganz sooo unzufrieden mit der Kamera bin :). Denn gerade leckere Sandwiches kamen bspw. erst diese Woche wieder öfter in den Blog... :D

Aber keine Angst: Ich find den Bericht klasse und sehe einige durchaus getroffen wiedergegeben. Aber die Ausnahme bestätigt ja die Regel, nicht?

Liebe Grüße,
Ina

Zeitzeugin hat gesagt…

Franzi: zack, korrigiert! ;)

George: dich/euch hatte ich aber schon letztens verlinkt, und zwar als DEN Top-Act in Sachen Foodblog :) Kann ja nicht immer dieselben erwaehnen!

Ja, Ausnahmen bestatigen die Regel, das stimmt. Und alle kann man gar nicht erfassen. Will ich auch gar nicht. Da waere ich ja Wochen mit beschaeftigt *g*

nata hat gesagt…

Das ist ja cool, vielen Dank! Freut mich sehr, dass mein Blog in dieser Liste erscheint! Die Beschreibung der Foodblogger im Allgemeinen liest sich witzig und enthält ein paar Wahrheiten. Natürlich sind wir alle Ende zwanzig und werden es ewig bleiben ;o)

stiller hat gesagt…

Im Kuriositätenladen schaue ich zumindest auch immer mal wieder vorbei, wenn der Magen leer und die Motivation groß ist. :)

F_A hat gesagt…

Schau Dich mal bei den Cupcake-, Motivtorten- und Bento-Bloggern - Unterarten des gemeinen Foodbloggers - um, da wird das Herrichten für die Kamera noch auf die Spitze getrieben. Ich selbst kann jetzt nur für die Cupcake-Blogs sprechen, da kann der sonntägliche Kuchen schon ein paar Tage Vorbereitungszeit in Anspruch nehmen, weil noch Röschen modelliert und Cupcake-Wrapper geschnitten werden müssen. Sehen tut das Kunstwerk außer den Lesern niemand. ;-)

Sehr schöner Blog-Post! Obwohl die Eckdaten auch bei mir nicht passen, finde ich mich ebenfalls gut getroffen. ;-)

Restaurant am Ende des Universums hat gesagt…

Witzige Beschreibung...ich liebe Pauschalisierungen. ;-)

Guckst du hier:
www.restaurant-am-ende-des-universums.de

LG
A.D:

Arthurs Tochter hat gesagt…

Ich bin viel jünger und das schon seit Jahren!

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